Die vertriebenen Deutschen…

und Erika Steinbach. Ein echtes Kapital für sich.

Herr Broder, dessen erklärter Fan ich ganz gewiß nicht bin, der aber dennoch ab und zu einen klug-bissigen Beitrag schreibt, der mir gefällt, hat sich dazu geäußert.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,670786,00.html

Ich möchte dem ganzen noch einen anderen Aspekt hinzufügen. Ich habe mich immer schon gewundert, warum die „Vertriebenen“ – müßte es nicht vielmehr „Umgesiedelten“ heißen? Immerhin hatten viele nicht das Glück, den Krieg überhaupt zu überstehen – nicht zur Ruhe finden.

Zufällig ist mir ein kluges Buch einer sehr klugen Frau in die Hände geraten, leider ist es auf dem normalen Büchermarkt nicht zu finden. Wer sich dennoch auf den Weg machen will, für den stehen die Titelangaben am Ende des Beitrages.

In diesem Buch geht es eigentlich um die Spätaussiedler-Problematik, hierzulande werden diese Leute kurz und unzutreffend „Russen“ genannt. Dort, wo sie herkommen, waren sie die bösen Deutschen, obwohl sie vielleicht ganz gern Russen gewesen wären. Diktatoren aber benötigen immer ein gewisses Verschiebungspotential, Stalin war da keine Ausnahme, und Menschen mit einer kleinen Besonderheit sind da leicht zu benutzen…

In diesem Buch geht die Autorin auch auf deutsche Meinungen und Vorstellungen ein, und so macht sie einen kleinen Abstecher zur Eingliederung der „Ostvertriebenen“ nach dem Krieg. Und schreibt da kurz und knapp…. „der Mythos der schnellen Anpassung der Vertriebenen…“

Und da fiel es mir ein. Es kursierten ja auch genügend Geschichten, erzählt von älteren Leuten, die das erlebt haben. Wie sie über die Auffanglager in Deutschland verteilt wurden, aber überall als zusätzliche Belastung angesehen wurden. Mit ihren Kindern spielte keiner, sie lebten in noch unzumutbareren Umständen als die zerbombten Einheimischen.

Denn sie waren die Überzähligen, die Unnötigen, die nämlich keiner gerufen hatte. Die ungerufen gekommen waren, denn wo sollten sie auch hin?

Daß die Polen und die Tschechen in ihren nun eigenen Gebieten ihre eigenen Regeln aufstellten, war zu erwarten – kein Vergleich mit den Regeln, die von Deutschen aufgestellt worden waren in neubesetzten Gebieten!

Was den Vertriebenen oder Geflüchteten viel mehr im Magen gelegen haben muß, das war die Ablehung seitens ihrer eigenen Landleute, die mit dem Wenigen, das sie hatten, nicht unbedingt teilungswillig waren; vorsichtig formuliert.

Kein Wunder, daß diese Leute noch immer einen handfesten Groll hegen. Obwohl ich bezweifle, daß Frau Steinbach, Jahrgang 43 – vertrieben oder mit auf der Flucht als 18 Monate alter Säugling – eigene konkrete Erinnerungen daran hat.

Was ihr wohl gut im Gedächtnis geblieben sein muß, ist die Zeit danach. Die Zeit, in der sie als Kind eine Unerwünschte unter „ansässigen Einheimischen“ gewesen sein mag.

Liebe Vertriebene, denkt mal drüber nach. Auf wen sich Euer Groll wirklich richtet. Nicht auf die Polen und die Tschechen.

Sondern gewiß auf Landsleute, und das aus verschiedenen Gründen. Nicht nur aus dem von mir genannten.

Literatur: Tröster, Irene (2003). Wann ist man integriert? Eine empirische Analyse zum Integrationsverständnis Rußlanddeutscher. In Europäische Hochschulschriften, Reihe XXII Soziologie, Bd. 385. Frankfurt am Main: Peter Lang GmbH Europäischer Verlag der Wissenschaften.

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3 Antworten to “Die vertriebenen Deutschen…”

  1. Ernst Wilhelm Says:

    Was Sie hier betreiben ist doch Küchenpsychologie. Frau Steinbach mag eine Unerwünschte unter „ansässigen Einheimischen“ gewesen sein. Ja eben mag. Belege bitte! Ich war mit mit meinem Schwiegervater, Sudetendeutscher, Jahrgang 1936, letztes Jahr in seinem Heimatort. Was ich bei ihm spürte war nicht Groll sondern Heimweh. Im Übrigen hat Herr Broder recht. Die alten Vertriebenen sterben aus. Die jungen interessieren sich für anderes. In sofern ist der Streit um Frau Steinach nur politisches Schaulaufen. Keiner schaut noch vorn in Deutschland. Sie auch nicht.

  2. yerainbow Says:

    Vielen Dank für Ihren Kommentar.
    Wenn man sich meine Textreferenz ansieht, so ist dies eine soziologische Arbeit.
    Daß Menschen unter Heimweh leiden, ist eine ganz normale Sache, erklärt jedoch nicht die Verbissenheit des Vertriebenenverbandes.

    Heimweh bei Frau Steinbach jedenfalls kann nicht durch ihre eigene Erinnerung begründet sein.

    Einem diplomierten Psychologen „Küchenpsychologie“ vorzuwerfen, ist ganz nebenbei sogar ein Lob.
    Ich bedanke mich dafür.
    Ich hätte nicht erwartet, daß das jemandem so deutlich auffällt…

    Da ich zudem im Ausland lebe, kann ich nicht „in Deutschland nach vorn schauen“.
    Aber bitte, tun Sie es. Ich beobachte nur aus der Ferne.

  3. yerainbow Says:

    Hier noch mehr zum Thema.
    Lesenswert!
    http://taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/da-kann-ich-als-pole-nicht-helfen/

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