Wie man Rezensionen über unliebsame Werke verfaßt…

Aus einer Diskussion (farbige Hervorhebungen von mir):

Herr A:
Zu dem Thema möchte ich aus einer Rezension zitieren, die ich kürzlich schrieb. Weiterhin bin ich teilweise durchaus Romantiker und für Toleranz gegenüber Religionen, durchaus auch für Kooperation. Und ich lasse mir deswegen NICHT nachsagen, ich habe auch nur IRGENDETWAS mit Nazis zu tun- im Gegenteil kann ich nachweisen, daß ich mein Lebtag Antifaschist war!

Der Gotteswahn
von Richard Dawkins
„…Um mich vorab zu positionieren: ich sehe mich momentan als Pantheist/ Panentheist. Dawkins kann ich immer dann zustimmen, wenn er Scheinchristen / Nominalgläubige, Pervertierungen von kirchlichen oder sektiererischen Institutionen und ihrer Funktionäre, Entstellungen und gefährliche Widersinnigkeiten von Religionssystemen und ihrer entsprechenden (heiligen) Schriften, u.ä. kritisiert, angreift und sie verdammt.
Die Landschaft ist in diesen Hinsichten sehr weit und wohlfeil- und leider braucht man da nicht einmal nur auf extreme Sekten, oder inquisitorische Jahrhunderte zurück greifen… !
– Institutionen und ihre „Fürsten“ und Bürokraten.
– Religionssysteme und ihre Lehren und Schriften.
– Der Glaube an etwas „Anderes“, „Zusätzliches“, „Höheres“, an Gott, wenn man so will.
= Dies sind noch immer (mindestens) drei verschiedene Dinge! Leider werden sie gar zu oft scheußlich vermengt- und das nutzt niemandem wirklich.
An dem Punkt, an dem Dawkins nach dem Erschaffer Gottes, wenn es ihn seiner Ansicht nach „denn gäbe“, fragt, offenbart sich sein Dilemma.
Er bewegt sich INNERT eines, unseres (materiellen / physikalischen) Systems. Er setzt dieses absolut und schließt jede Metabetrachtung implizit aus.
Drei naturwissenschaftlich „heilige“ Grundgesetze / Grundsätze (oder auch: Konzepte) sind unabdingbar, um unsere Welt komplett zu ordnen, begreifbar, erklärbar und grundsätzlich auch beherrschbar zu machen.
Zeit. Raum. Kausalität (also die zwingende Verknüpfung von Ursache und Wirkung).
Das sind elementarste Dinge. … -sie versagen jedoch kläglich, wenn es um die Erklärung z.B. von „Ewigkeit“ und „Unendlichkeit“ geht. Und sie versagen in der Frage wie es zum „ersten Anfang“ von Energie / Materie kam.
Allein dies rechtfertigt für mich schon die Frage nach Gott- und insofern stellt bereits der Titel des Buches eine persönliche Beleidigung für mich da. Nicht JedeR, der Gott für denkbar hält, oder als existent ansieht, ist sogleich ein „Wahnsinniger“.
Noch einen Nachsatz zu den Glaubenssystemen: Meine persönliche „Gretchenfrage“ ist da stets: „Geschieht das, was Du lehrst und tust, im Geiste der Liebe -oder tut es das nicht?“
Die zweite Frage darf dann durchaus noch die nach der Toleranz gegenüber Anders- / Nichtgläubigen sein. = Meine Attitüde hierzu findet sich in E. Lessings „Nathan der Weise“. Fazit: abgesehen von der Gottesfrage an sich, ein durchaus sinnvolles Buch, das wichtige und richtige Kritikpunkte oft mehr als deutlich benennt.

Frau B:
Herr A, Du hast den Dawkins schon gelesen?
Kanns kaum glauben. Denn dann wäre Dir aufgefallen, daß er mit den Religiösen sehr zartfühlend umgeht…
Der Titel ist ein Übersetzungsproblem. „Delusion“ bedeutet nicht unbedingt wirklich „Wahn“, sondern auch Irrtum, Irreführung, Täuschung.

Diese stigmatisierende Härte hat nur der deutsche Titel. Und so weit ich weiß, machen gern die Verlage selbst die Titel… habs mir zumindest erzählen lassen…
Ob es da so war, weiß ich allerdings nicht.

Herr A:
Ich habe nicht behauptet, ich hätte das Buch gelesen. Ich habe nur gesagt, daß ich eine Rezension darüber geschrieben habe.
Wenn sich da inhaltlich zartfühlende Worte finden- sehr nett. Das ändert aber nichts daran, dass der Denkansatz im Vergleich zum gestellten Thema falsch ist. Wenn es um Kirchen / Sekten oder um Religionssysteme geht: wunderbar. Da liegt bei sehr vielen sehr vieles im Argen.
Das hat aber mit mehreren anderen Dingen nichts zu tun. Z.B. damit, ob und welche Macht / Kraft / Wieauchimmer es außerhalb des herkömmlichen physikalisch- materiellen Weltbildes noch geben könnte.
Und übrigens auch nicht mit vielen „einfachen“, gutwilligen Gläubigen, die im Alltag mit einer durchaus vernünftigen Mischung aus Gesinnungs- und Verantwortungsethik agieren.
Ich habe die ganze Zeit überlegt, was mich stört. Es ist denke ich Deine Art Meinungen und Überzeugungen dezidiert als Erkenntnisse und objektive Wahrheiten hinzustellen. Das mag ich nicht, daß ist mir unsympathisch.
Mag sein, ich projeziere da teilweise- ich wurde (als evangelischer Kirchenausgetretener, etc.) im SL schon als Christ und damit Mitverantwortlicher und Befürworter von Kreuzzügen, Inquisition und Hexenverbrennung heftigst angegriffen und gebranntmarkt. Von jemandem der sich als Atheist und vor Allem als Humanist bezeichnete, selbst aber IMHO regelrechte Kreuzzüge gegen JedeN veranstaltete, der / die auch nur von Weitem nach etwas religiösem aussah.
Wie dem auch sei- was mich an den Atheisten derart stört, ist diese „Erkenntnis“, diese „objektive Gewißheit“, daß es „nichts Anderes gibt“- woher kann und soll die bitte kommen? Das ist IMHO genauso arrogant, wie Kirchenfürsten die glauben im Besitz der Wahrheit über Gottes Bartlänge zu sein.
Ich denke da spielen eher ganz starke unterdrückte Emotionen mit …
Vor allem wohl die Angst man könne später enttäuscht werden, wenn man anders glaubte und fühlte …
MfG
Herr A.

Frau B:
Wie…. Du schreibst ne Renzension über was, das Du gar nicht kennst?
Da bin ich aber baff.
Zu welchem Thema schriebst Du die denn dann?
Bin da etwas ratlos….
Vielleicht überwindest Du Dich noch, und liest ihn doch noch – irgendwann?
{…}

Herr A:
Ja, richtig, -ich bin einer von denen, die Bücher rezensieren ohne sie komplett gelesen zu haben -und das zugibt. Weit verbreitet ist diese Technik durchaus. Das muß inhaltlich keineswegs Unredlichkeit implizieren. {…}

Fassen wir diese Diskussion zusammen.
– Rezensionen schreibt man, ohne die Bücher, auf die sie sich beziehen, zu kennen
– Unredlich ist das nicht, sondern üblich. Eine weit verbreitete Technik.

Dieses erklärt vieles.

Advertisements

Schlagwörter: ,

2 Antworten to “Wie man Rezensionen über unliebsame Werke verfaßt…”

  1. Danny Says:

    Und ich mach mir noch die Arbeit die Bücher wirklich zu lesen, die ich rezensiere *Augenverdreh*

  2. fluctibus Says:

    man kann ja auch eine Rezension rezensieren (-;

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: